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Vom Heuen, müden Armen und Sehnsucht

Das Leben auf dem Bauernhof - eine Freiwillige erzählt

Das Leben auf dem Bauernhof wird bestimmt durch den Rhythmus der Natur. Das ist oft hart, bringt aber auch eine Gemächlichkeit und Gelassenheit in den Alltag, die ich schätzte. Mein Bergeinsatz erlaubte es mir einen ganz anderen Alltag zu erleben und eine neue Welt kennenzulernen.

Ich bestimme meinen Tagesrhythmus weitgehend selbst. Ich bin unabhängig von Wetter, Tageszeiten und Jahreszeiten. Das ist die Realität von Menschen, die einem Bürojob nachgehen. Während meines Bergeinsatzes auf dem Fänglihof in Zweisimmen lernte ich, was es heisst dem Rhythmus der Natur unterworfen zu sein.

Das Wetter bestimmt

Die Frage: «Wie wird das Wetter heute?» bestimmt den Alltag eines jeden Bauern. Im Sommer ist es überlebensnotwendig so viel zu heuen wie möglich, denn das garantiert genügend Futter für den Winter. Geheut werden kann jedoch nur, wenn genügend Sonnenschein vorhanden ist. Der Horror eines jeden Bauern ist es, wenn es ihm oder ihr in das geschnittene und ausgebreitete Heu regnet. Das Heu sollte so möglichst trocken sein ansonsten steigt die Gefahr von Fäulnis und der Nährwertgehalt sinkt rapide. Deshalb heuen wir einen Abend lang bis die Sonne untergeht, damit alles Heu noch auf dem Heustock untergebracht werden kann. Am nächsten Morgen soll es regnen. Ich bin danach erschlagen und müde. Gleichzeitig stellt sich eine wohlige Zufriedenheit ein. Wir haben heute etwas geschafft, mit unseren eigenen Händen.

Jeden Abend hungrige Hühner

Nebst dem Wetter bestimmen die Tiere den Alltag mit. Auf dem Fänglihof halten sie Schafe und Lämmer, deren Milch zu feinen Joghurts verarbeitet wird. Gemolken werden die Schafe während 200 Tagen nach der Geburt der Lämmer. In dieser Zeit heisst es früh aufstehen und an die Melkmaschine – sei es Sommer oder bitterkalter Winter. Ich erlebe vor allem die Hühner, die jeweils abends schon auf mich bzw. ihr Futter warten. Sie spüren genau, wann es Zeit fürs Abendessen ist und gackern schon ganz aufgeregt, sobald sie mich sehen.

Ruhe der Natur

Die Natur gibt nicht nur einen strikten Rhythmus vor, sie birgt auch eine Gemächlichkeit und Gelassenheit, die beruhigend wirkt. Die Aussicht auf sanfte grüne Hügel, die mich jeden Morgen begrüsst und die Stille des Waldes sind unglaublich schön und wohltuend. In dieser Umgebung zu leben und zu arbeiten erscheint mir ein unglaubliches Privileg. Mein Alltagsstress ist weit weg und die Arbeit hier irgendwie gemächlicher. Natürlich gibt es auch Stresssituationen auf einem Bauernhof, jedoch wirken die Menschen auf mich geerdeter. Die Nähe zum Boden, zur Natur, zu den Tieren scheint auch Ihnen eine grundlegende Gelassenheit und Zuversicht zu geben. 

Zurück zur Realität

Nach einer ereignisreichen Woche muss ich Abschied nehmen. Gerne wäre ich noch länger im Kreis dieser gastfreundlichen und aufgestellten Familie geblieben. Im Zug schaue ich aus dem Fenster und beobachte, wie die Landschaft immer flacher und dichter bebaut wird. In Bern füllt sich der Zug, meine dreckigen Fingernägel und verschwitztes T-Shirt scheinen fehl am Platz. Ich denke sehnsüchtig zurück an meine Woche auf dem Fänglihof und wünsche mir er läge näher.  

 

 

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